Ehninger Heimatkalender - Bilder aus alten Zeiten

Der Heimatgeschichtsverein hat für das Kalenderjahr 2006 einen Heimatkalender mit Motiven aus Ehningen aus den letzten hundert Jahren herausgebracht. Dieser Kalender ist bei allen heimatgeschichtlich Interessierten auf große Resonanz gestossen. Als ergänzende Information veröffentlichen wir regelmäßig im Mitteilungsblatt und an dieser Stelle Hintergrundinformationen zu den einzelnen Monatsblättern.

Titelblatt - Luftaufnahme Ehningen, ca. 1960

 

Januar - Ehninger Holzhauergruppe Januar 1952 

                                  

Das Bild zeigt die Ehninger Holzhauer oder ‚Holzmächer’, die im Staatswald, Distrikt Ketterlenshalde tätig waren. Auf dem Foto mit Revierförster Früh (ganz rechts im Bild) sind von links nach rechts zu sehen: (das Foto ist eine Leihgabe von Fritz Nüßle und Hedwig Noppel, beide Nachkommen von Friedrich Nüßle)  

Friedrich Nüßle(1898-1984)wohnte  Hildrizhauser Str. 16, Fachwerkhaus gegenüber der ev. Kirche.

Fritz König (1915-1992)  wohnte Dagersheimer Str, unterhalb Gasth.  Hirsch

Gottlob Maier(1914-2002 ) ‚Schützahannesa Gottlob’, wohnte zuletzt in der Schillerstrasse, zuvor  im jetzt abgebrochenen Gebäude in der Hildrizhauser Str, nördlich  der ev. Kirche, heute Tiefgaragenzufahrt

Wilhelm Friedrich König (1902-1976) ‚Frieders-Wilhelm’ wohnte ursprünglich neben Gasthaus Lamm , ausgebombt 1945 und baute einen neuen Hof im Gärtringer Weg (vor der Bahnunterführung)     

Friedrich Kempf (1922-1967)  wohnte Hildrizhauser Str 31, Bauernhof  Kempf.  

Wilhelm Nüßle(1900-1969)  Oberholzhauer der Holzhauergruppe  Ketterlenshalde, wohnte Ecke Hildrizhauser-/Schloss Str..   Urspr. Gebäude wurde abgerissen, heute Süddt. Gemeinschaft    

Das Foto steht auch  stellvertretend für die anderen  Holzhauergruppen, in denen Ehninger als Holzhauer tätig waren. 

Es wird stolz eine Motorsäge(damals noch keine Selbstverständlichkeit) präsentiert und der auf einer Handsäge aufgemalte  Sinnspruch ‚Den Wald zu pflegen bringt allen Segen’ zeugt vom Selbstverständnis der gestellten Aufgabe. Der Wald auf Ehninger Gemarkung war damals forstwirtschaftlich auf verschiedene  Forstreviere aufgeteilt:

- Staatlicher Forstdistrikt  “ Ketterlenshalde“(südlich der A81 bis Rohrau und Hildrizhausen, ca 380 ha)

- Gemeindeeigener Wald (hauptsächlich Richtung Dagersheim und Mauren, ca 300 ha).

- Der Distrikt  Fronhalde, wo ebenfalls Ehninger als Holzhauer tätig waren, liegt auf  Gemarkung  Aidlingen und  gehörte bis   1.10.1998 zum Revier Aidlingen.

Somit erklärt sich auch die Existenz der drei Holzhauergruppen, die nebeneinander gleichzeitig bestanden. Das „in den Wald  ge- hen“, wie die Tätigkeit als Waldarbeiter umgangssprachlich bezeichnet wurde, hat auch in Ehningen ein lange Tradition. Die Holzhauer kamen hauptsächlich aus dem landwirtschaftlichen Umfeld.  Die Nebentätigkeit als Holzhauer war für diese Berufsgruppe oftmals die einzige Möglichkeit, sich zum Einkommen aus der Landwirtschaft eine weitere Einnahmequelle zu verschaffen;  sie war deshalb sehr gefragt und auch lukrativ, da im Akkord gearbeitet wurde. Jedoch sind nicht alle das ganze Jahr über als Holzhauer tätig waren, sondern nur saisonal im Winter. Ein weiterer Vorteil war, dass  während der Hauptsaison im Wald (Nov-April) jahreszeitlich bedingte Feldarbeiten überschaubar waren. Wenn aber dringende, witterungsbedingte Arbeiten in der Landwirtschaft anstanden, so war dies in der Regel kein Problem, hierfür vom zuständigen Förster freizubekommen. Bei der Zusammensetzung der einzelnen Holzhauergruppen spielten auch generationenübergreifende und Familientraditionen eine Rolle, zu welcher Gruppe  man ging; deshalb gab es auch nur wenige Wechsel. Das Verhältnis der Gruppen zueinander war einerseits freundschaftlich,  andererseits auch geprägt von einer gewissen Abgrenzung und Rivalität.  Der Hauptstützpunkt und Unterstand für die Holzhauer im Distrikt Ketterlenshalde war die ‚Fuchsriegelhütte’, die bereits schon Anfang der 1950-iger Jahre stand und wo sich  auch zünftige  Feste feiern ließen. Das soll auch einmal Anfang der 1950-iger Jahre in einem schneereichen Winter der Fall gewesen sein. Einige der am Fest Beteiligten hatten wohl zu tief ins Glas geschaut und mussten in der Nacht  per Pferdeschlitten abgeholt werden. Im Gemeindewald wurde ein ähnliche Hütte (Nähe Seeallee) erst Jahre später erstellt. Als ab Mitte der 1950-iger Jahre vermehrt Arbeitskräfte  beim Bau, in Handel und Industrie gesucht wurden, vertauschte mancher Landwirt seine Nebenerwerbstätigkeit im Wald mit einem Arbeitsplatz z.B. bei Daimler. In nicht wenigen Fällen wurde mit der Zeit dann diese Tätigkeit zum Haupterwerb und die Landwirtschaft  geriet zum Nebenerwerb.

Gesellschaftlicher  Strukturwandel,  Entwicklungen in der  Land- und Forstwirtschaft, vermehrter Einsatz technischer Geräte sowie Verwaltungsreformen  haben in den vergangenen Jahrzehnten gravierende Spuren auch in der Holzbewirtschaftung  hinterlassen. Das Forstrevier Ehningen ist nun forstwirtschaftlich  für den gesamten Wald auf Ehninger Markung  zuständig (Staats- und Gemeindewald). Es sind vier  hauptberufliche Forstwirte eingesetzt, die mit entsprechenden modernem technischen Gerät ausgerüstet die Aufgaben  der Holzhauer vergangener Zeiten übernommen haben. Das  Holzhauerwesen, wie man es früher kannte, gehört  bei uns endgültig der Vergangenheit an.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich recht herzlich bei allen, die uns bei der Erstellung diese Beitrages unterstützt haben. An weiteren  Informationen (natürlich  auch Fotos) zum Thema Waldarbeiterinnen,  Holzhauer, Ehninger Forsten  sind wir sehr interessiert. Kommen Sie einfach auf uns zu.

Rudolf Widmann   Heimatgeschichtsverein Ehningen

 

 

Februar  -  Hausschlachtung 1953

Das Bild ist eine Erinnerung an eine typische Hauschlachtung, wie sie früher in fast allen Häusern üblich war; in Zeiten als Selbstversorgung mit Lebens-und Nahrungsmitteln einen anderen Stellenwert und  größere Bedeutung hatte, als in der heutigen Überflussgesellschaft. Auf dem Foto (Leihgabe von Rudolf Widmann), aufgenommen im Hof der Hildrizhauserstrasse 30,  sind von links nach rechts zu sehen: Julie Widmann (1911-1974),Mutter von Rudolf Widmann jr.(*1946), Rosa Müller(1902-1983)‚Metzgervetter’ Karl Mammel (1898-1967), Josef Müller(1899-1987). Das Ehepaar Müller und Tochter Illi (verh. Prokein) sind Heimatvertriebene aus Soroksar(Vorort von Budapest); kamen  1946 nach Ehningen und wohnten von 1951-1956 bei Fam.Rudolf Widmann sr., Hildrizhauser Str. 30

Wie in Ehningen gab es auch in der alten Heimat der Müllers die Tradition des ‚Hausmetzgens’, die man hier fortsetzen wollte.  Der Hausmetzger, den es zu jener Zeit in Ehningen gab, war der Bauer und Metzger Karl Mammel, im Ort  als ‚Metzgervetter’ bekannt. Er wohnte in der Dagersheimer Strasse, gegenüber dem heutigen Edeka Markt (jetzt Anwesen Riess). Karl Mammel war bereits lange Zeit vor dem 2. Weltkrieg  als Hausmetzger tätig und war  in Ehningen zu seiner Zeit der letzte und einzige Hausmetzger im althergebrachten Verständnis. (Ein  Vorgänger von Karl  Mammel  als Hausmetzger war Johannes Widmann (1834-1927, Urgrossvater des Testverfassers), der noch mit 91 Jahren 26 Hausschlachtungen im Jahr durchgeführt hat. Es kam natürlich auch vor, dass die Metzgermeister der hiesigen Metzgereien Hausschlachtungen vornahmen, doch waren dies eher die Ausnahmen. Karl Mammel  war auch der Hausmetzger in der ‚Sonne’, wo er bereits in den 1930-iger Jahren jede Woche ein Schwein  geschlachtet hat, denn der Sonnenwirt war kein Metzger. Ebenso nahm er Notschlachtungen an Rindern vor, die dann als  preiswertes Freibankfleisch in den Scheunen der Bauern verkauft wurden. Karl Mammel, eher von  hagerem Wuchs, war bekannt für seine  freundliche und bedächtige Wesensart  und war ein Könner auf seinem Gebiet. Er soll dabei nicht unbedingt der schnellste gewesen sein und so zog sich das ‚Metzgen’ häufig  bis in den späten Abend hinein;  aber seine Wurst, die er machte, war immer sehr gut und schmackhaft. Bis in die späten 1950-iger Jahre hinein war es  in vielen Häusern (nicht nur bei Bauern, wie unser Beispiel zeigt) das ‚Hausmetzgen’ durchaus noch verbreitet. Geschlachtet wurde mindestens einmal, manchmal auch zwei Mal im Jahr, eine möglichst schwere Sau. Die Schweine  wurden häufig auf einem der Ehninger Viehmärkte als Jungtiere gekauft und dann bis zur Schlachtreife gemästet. Geschlachtet wurde meistens im Winter wenn es kalt war, so dass frisches Fleisch und frische Wurst nicht so  leicht verdarben, in Zeiten ohne Kühltruhen und Kühlschränken. Am Tag der Hausschlachtung kam der Metzger ins Haus, tötete das Schwein mit einem Bolzenschussapparat. Vor der Verarbeitung der Sau war aber die Freigabe durch den amtlichen Fleischbeschauer erforderlich, der die Trichinenfreiheit und die Genusstauglichkeit mittels Stempel auf verschiedenen  Körperteilen der Sau bestätigte. Dann folgten umfangreiche  und schwere Arbeiten, bei der alle mithelfen mussten, bis alles erledigt war. Angefangen vom Schaben um die Borsten zu entfernen, über das Zerschneiden des Fleisches, das Wursten und Wurstkochen bis hin zum Speckschneiden, der zu Schmalz ‚ausgelassen’ wurde.  Überhaupt war es früher wichtig, fette Schweine zu haben, den Schweineschmalz war früher das wichtigste Fett im Haushalt und vielseitig einsetzbar. “Gmetzget“ wurde meist in der Waschküche‚ den da stand schon der Waschkessel, in dem man das viel heisse Wasser bereitete, dass man tagsüber brauchte, zum Abbrühen, zum Kochen des Fleisches und garen der Würste, was ohne Themometer nicht einfach war.

Einen  besonderen Stellenwert hatte die ‚Metzelsuppe’, die Hauptmahlzeit des Schlachttages.Dazu gab es meist Sauerkraut, gekocht  in frischem Fleisch, dazu Leber und Blutwurst und eine fette Brühe, “aus der mehr Augen, herausschauten, als hinein“. Dazu gab es meist Brot, zum Trinken Most und Schnaps zur Verdauung für das sehr fette Essen. Es war Brauch, Nachbarn und Verwandte mit einer ‚Metzelsuppe’ bestehend aus Brühe, Fleischstücken und Würsten zu beehren; nach altem Brauch hatte auch der Lehrer und der Pfarrer einen Anspruch darauf. Das ganze  beruhte natürlich auf Gegenseitigkeit und so kam man in den Genuss über längere Zeit hinweg frisches Fleisch zu konsumieren,  wichtig vor allem in Zeiten  in denen es nicht möglich war frisches Fleisch zu konservieren. Welchen hohen Stellenwert so ein Schlachttag besessen hat, zeigt auch das Metzelsuppenlied unseres schwä- bischen Dichters Ludwig  Uhland (1787-1862) in dem er die Vorzüge der Metzelsuppe und des Sauerkrauts in denen höchsten Tönen lobt.  Und im allseits bekannten Lied vom Dorfschulmeisterlein heisst es ua.: ‚Und wird im Dorf ein Schwein geschlacht, dann könnt ihr sehen wie es lacht. Die grösste Wurst ist ihm zu klein, dem armen Dorfschulmeisterlein.

Der Aufwand und die äusseren Bedingungen, die eine Haussschlachtung mit sich brachten, führten dazu, diese Privatschlachtungen mehr und mehr in die Schlachthäusern der örtlichen Metzger zu verlagern, wo es für alle Beteiligten einfacher und schneller ging. Gesellschaftlicher Wandel, wachsender Wohlstand, kleinere Haushalte und veränderte Lebens- und Ernährungsgewohnheiten haben dazu geführt ,dass heute Hausschlachtungen dieser traditionellen Art  bei uns so gut wie nicht mehr durchgeführt werden.

Rudolf Widmann 

 

 

März  -  Feldbestellung, ca. 1935-40

Das Thema unseres Märzbildes ist die Feldbestellung in früheren Zeiten. Auf dem Foto (Leihgabe von Christa u. Otto Bengel), aufgenommen im Gewann Bol, in Nähe der  heutigen  Telekomzentrale/Getränke Kohl, Königsberger Str. sind beim ‚Eggen’ zu sehen:

Gottlob Theurer (1870-1942) mit Leitseil an der Egge; auch ‚Trai-Theurer’ genannt, da vermutlich einer seiner Vorfahren den Militärdienst beim Train (Nachschub/Logistik)absolviert hatte und sein Sohn Karl (*1904-gef. 1944). Das Anwesen von Gottlob Theurer lag an der Nordseite der Königstrasse, schräg gegenüber Bäckerei Scheib. Gottlob Theurer  war bekannt für seine stets gut gepflegten Ochsengespanne (‚standen gut im Futter’) und legte darauf großen Wert. Dies bezeugt auch sein Besuch bei der Schlacht- und Mastviehausstellung  in Stuttgart im April 1927, bei der auch sein Ochsengespann  ausgestellt und prämiert wurde.

Wie auf dem Foto ersichtlich, konnten die Ochsen des Gottlob Theurer am Leitseil geführt werden, wie ein Pferd. Das war nicht selbstverständlich, denn Ochsen  gelten als ‚störrisches Rindvieh’ und wurden üblicherweise am Kopf geführt. Das Foto  zeigt eine typische Szene aus der Landwirtschaft in den 1930- Jahren. Das bezieht sich nicht nur auf das Ochsengespann, die Egge und die Hacke, sondern auch auf die Arbeitskleidung mit Schürze, Mütze und die Hosen, unter denen  man Ledergamaschen trug (bei Karl Theurer gut erkennbar.) Auch wenn es im Volkslied heißt ‚Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt’ sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass bis Ende der 1940-Jahre Ochsen als Zugtiere auch bei unserer heimischen Landwirtschaft noch eine Rolle spielten. Die Ochsen boten gegenüber dem Pferd als Zugtier manche Vorteile, sie waren ’rentabler’: die Ochsen wurden jung gekauft, als Zugtiere eingesetzt und nahmen dennoch an Gewicht zu und konnten, sobald sie ausgewachsen waren, als geschätztes Schlachtvieh verkauft werden. Im Gegensatz zu heute war früher fettes Mastochsenfleisch sehr gefragt. Auch mussten die Ochsen im Gegensatz zu Pferden seltener beschlagen werden, das Zuggeschirr war einfacher und preiswerter. Die Ochsen wurden  in der Regel mit dem Stirnband eingespannt. Auf unserem Foto sehen wir solche Stirnbänder, die sogar Messingringe als Schmuckele- mente aufweisen (Statussymbol). Die Egge  ist eine der wichtigsten Geräte für die Bodenbearbeitung. Sie wird benutzt, um die Böden für die Saat vorzubereiten, d.h.  die Ackerkrume zu zerkleinern und zu verfestigen, damit die Aussaat gut keimen kann. Die Eggen waren  im 19.Jhdt.  noch komplett aus Holz,  zu Beginn des 20.Jhdts setzten sich eiserne Zinken durch und in den 1920-iger Jahren waren moderne  Eggen komplett aus Eisen. Das Eggen war für die Zugtiere eine anstrengende Arbeit, je nachdem welche Art Boden zu bearbeiten war. Auf Ehninger Markung sind sehr unterschiedliche Böden anzutreffen; die ertragreichen Löss-/ Lehmböden (z.B. Erdbeerfelder Kempf im Gewann Lachen) sind wesentlich leichter zu bearbeiten als die schweren Ton-/Letten- böden (z.B. :Gewann Sulzberg). Hinzu kam, dass man mit Tieren nicht ununterbrochen den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten konnte (wie man das mit einem Schlepper kann), da die Tiere zwischendurch zuhause gefüttert und getränkt werden mussten. Es kam vor, dass Ochsen und Pferde gleichzeitig gehalten wurden. Mit Kühen und Ochsen ging’s halt etwas langsamer und mühsamer; mit Pferden war es einfacher und effektiver zu arbeiten. Mit der nach 1950 einsetzenden flächendeckenden Motorisierung der Landwirtschaft   ersetzte der Motorschlepper, der ‚Bulldogg’, auch in Klein- und Mittelbetrieben nach und nach die Pferde- und Ochsengespanne. Einhergehend mit den immer stärkeren und schwereren Zugmaschinen wurden auch die Geräte zur Boden- bearbeitung weiterentwickelt. So kann man heute mit einem 100-PS Schlepper, der eine durch Zapfwelle angetriebene Kreiselegge mit aufgebauter Sämaschine mitführt, gleich mehrere Arbeitsgänge( und das im 1-Mann Betrieb) wesentlich schneller und rationeller durchführen und somit eine ungleich höhere Flächenleistung erbringen als dies je mit der im Foto gezeigten Arbeitsweise möglich gewesen wäre.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich herzlich bei Landwirt Paul Gerlach für seine wertvollen und wichtigen  Informationen und seine  Unterstützung zu diesem Beitrag. Wer mehr über Ochsenhandel und die Bedeutung für Ehningen und seine Märkte wissen möchte, dem empfehlen wir den Artikel ‚Die Ehninger Märkte’ in Heft 2 der Beiträge zur Ortsgeschichte (erschienen 1991 ). 

Rudolf Widmann, Heimatgeschichtsverein Ehningen 

 

April  -  Haustüren, ca. 1980

Das Kalenderbild dieses Monats zeigt eine interessante Teilansicht des 1977 abgebrochenen Hauses Schloßstr. 5.  Es handelte sich um ein Doppelhaus mit zwei nebeneinanderliegenden Eingangstüren, getrennt durch einen gemeinsamen Mittelpfosten. In der Mitte über beiden Türen war jeweils ein sog. Keil- oder Schlußstein in den Türsturz eingefügt. Der Keilstein über der linken Tür zeigt ein Weberschiffchen und trägt neben der Jahreszahl “1807” die Initialen “CK”. Der Keilstein über der rechten Tür  zeigt eine Pflugschar, ebenfalls die Jahreszahl “1807” sowie die Initialen “RB” und vermutlich “IB”. Der letzte Bewohner des vorderen Hausteils war Christian König, Urenkel des früheren Kronenwirts Johann Christian König, genannt “Kronenwirts Christian”. Nach seinem Tod Ende 1976 wurde das Haus abgerissen. Die Symbole - Pflugschar und Weberschiffchen - deuten auf die Erwerbs- zweige der ersten Bewohner hin, wenngleich davon auszugehen ist, daß oftmals auch ein Weber nebenbei Landwirtschaft betrieb bzw. umgekehrt auch die meisten Bauern noch einen Nebenerwerb hatten. Im Erdgeschoß des Hauses befanden sich typischerweise Stallungen und Nebenräume; die Wohnungen lagen darüber.

Der Anblick der beiden Türen läßt die Gedanken schweifen: Auf den ersten Blick sieht man nur zwei alte Türen aus Holz, beide etwas verwittert, aber sie erfüllen ihren Zweck: Sie schließen den dahinterliegenden Raum nach außen hin ab. Das Wort “Tür” ist indogermanischen Ursprungs und kommt in vielen europäischen Sprachen (z.B. englisch: door; niederländisch: deur; schwedisch: dörr; griechisch: thyra) vor. Türen sind für uns etwas so Selbstverständliches, daß wir sie eigentlich gar nicht mehr wahrnehmen, obwohl wir jeden Tag unzählige Türen öffnen und schließen: Schranktüren, Zimmertüren, die Wohnungstür, die Tür vom Auto oder vom Bus, die Fahrstuhltür, die Bürotür, die Ladentür, die Schultür, .... Wer hat schon mal mitgezählt? Der Betrachter weiß nicht, was sich hinter einer Tür verbirgt. Türen schützen somit das Innere vor fremden Blicken, sie schützen vor unerwünschten Besuchern, aber auch vor Kälte, Regen oder Schnee. Umgekehrt wissen auch die Menschen hinter einer solchen Tür nicht, was sich draußen vor ihrer Tür abspielt. Türen haben somit etwas Janusartiges - sie wirken in zwei Richtungen (janus: nach der  römischen Gottheit Janus mit den zwei Gesichtern, nach der unser Monat Januar benannt ist.) Wer vor einer Tür steht, weiß nicht, was ihn hinter der Tür erwartet. Dieses Unbekannte erschließt sich uns erst, wenn wir durch die Tür hindurchgehen. Vielleicht treffen wir hinter der Tür aber auch gute Freunde oder Bekannte. Wieder sehen wir zwei Gesichter einer Tür: Türen trennen nicht nur, sondern sie verbinden auch.  Eine offene Tür lädt zum Eintritt ein. Ist die Tür geschlossen, aber nicht verschlossen, schützt sie den dahinterliegenden Raum, läßt uns aber auch die Möglichkeit des Eintretens. Nur die verschlossene Tür weist uns ab. Der jeweilige Zustand sagt uns somit auch etwas über den Besitzer der Tür. Sind wir willkommen? Will man uns ausschließen? Oder will man sich vor uns “verschließen”?

Viele Bräuche oder Redewendungen haben mit Türen zu tun: Schon bei den Römern gab es den Brauch, die Braut über die Türschwelle in das neue Heim zu tragen. Ob dieser Brauch noch aus der Zeit stammt, als Frauen geraubt und mit Gewalt in ihr neues Zuhause gebracht wurden, oder ob es einfach ein Weg war, der Frau klarzumachen, wer der Herr im Haus war? Oder einfach nur ein besonderes Zeichen der Liebe und Verehrung? Bei den Römern war die Türschwelle der Vesta, der Göttin des Herdfeuers geweiht, die ebenso wie ihre Priesterinnen Jungfrau war. Es galt darum als Entweihung, wenn eine Jungfrau auf dem Weg zur Hochzeitsnacht diese Schwelle berührte. Andererseits gab es auch den Aberglauben, in der Schwelle wohne ein böser Dämon. Um die junge Ehefrau vor jeder Berührung mit dem unter der Schwelle lauernden Dämon zu schützen, trug der Ehemann sie darüber hinweg. Möge sich jeder die passende Deutung auswählen.

Wer Torschlußpanik hat, hat Angst, zu spät zu kommen, etwas zu verpassen. Diese Wendung stammt aus dem Mittelalter, als die Stadtmauern noch abends mit großen Toren (=Türen) verschlossen wurden. Wer tagsüber vor den Toren der Stadt zu tun hatte oder als Reisender unterwegs in eine Stadt war, beeilte sich, vor dem Schließen der Stadttore noch in den Schutz der Stadtmauern kommen. Wer nach Toresschluß kam, mußte die Nacht draußen vor dem Tor verbringen, wo zahlreiche Gefahren wie wilde Tiere oder Räuber lauerten. Damals hatte die Torschlußpanik also einen sehr konkreten Hintergrund.

Seit dem 16 Jahrhundert ist die Wendung “mit der Tür ins Haus fallen” bekannt (= ist ungeschickt, plump, auch ungestüm). Wer “offene Türen einrennt”, macht sich unnötige Mühe, will etwas tun oder erreichen, was schon völlig geklärt ist.  Wer sich “eine Tür offen hält”, legt sich nicht fest, läßt sich noch einen Ausweg. “Alle Türen aufstoßen” = alle Mittel und Wege versuchen, um ans Ziel zu kommen. “Es geht alleweil wieder ein Türle auf” = es gibt immer wieder eine Lösung, eine Hilfe.

Wenn man jemandem zu einer wichtigem Bekanntschaft verhilft, dem öffnet man eine Tür. Überall gerne gesehen ist derjenige, dem alle Türen offen stehen. “Hinter verschlossenen Türen” dagegen bedeutet “im geheimen”; und wer “vor verschlossenen Türen” steht, findet nirgends Unterstützung. Wer sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten mischen soll, der “kehre erst einmal vor seiner eigenen Türe”. “Zwischen Tür und Angel” wird etwas schnell und hastig erledigt, weil man quasi eingeklemmt ist und sich schnell entscheiden muß. Besucher geben sich die Tür (oder Klinke) in die Hand; ungebetenen Gäste wird die Tür vor der Nase zugeschlagen - ihnen wird die Tür gewiesen; sie sollen “die Tür von draußen zumachen”, man stellt ihnen “den Stuhl vor die Tür”. Wer bettelt, geht von Tür zu Tür; Hausierer gehen “Klinken putzen” (weil sie so viele Türklinken anfassen müssen, bis sie Erfolg haben). Wer Tür an Tür mit jemandem wohnt, findet sich noch im bekannten Schlager wieder: “living next door to Alice”. Und bevor man sich versieht, steht schon wieder Weihnachten vor der Tür. Wer jetzt noch überrascht ist ob der (sicherlich nicht vollständigen) Vielfalt von Redewendungen, der “kriegt die Tür (= den Mund vor Staunen) nicht zu”!

H. Meyer, Heimatgeschichtsverein Ehningen e.V.

Literatur:

- Ulrike Weiß; Häuser und Inschriften in Ehningen, Zeugen der Ortsgeschichte; hrsg. v.d.

  Gemeinde Ehningen in Zusammenarbeit mit dem Heimatgeschichtsverein Ehningen e.V.,    

  Geiger-Verlag, Horb/Neckar, 1991

- Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten; 5. Auflage, Verlag Herder, 1994

 

 

Mai  - Haus Klein, ca. 1960-65

Als Motiv für den Monat Mai wurde eines der markantesten Häuser des ‚alten’ Ehningen ausgewählt. Das Foto zeigt die Situation Anfang der 1960-iger Jahre, als der Kastanienbaum noch stand und die Aussentreppe noch vorhanden war.  Es zeigt das  denkmalgeschützte Anwesen Klein; in Ehningen ist es das Fachwerkhaus mit den meisten Verzierungen. Es steht in exponierter Ecklage an der Einmündung der Burgstrasse und Schmalen Gasse  in die Hildrizhauser Strasse, in unmittelbarer Nachbarschaft zur evangelischen Kirche.

Beeindruckend an diesem stattlichen Gebäude ist der dreistöckige, reich und kräftig gegliederte  Nordgiebel mit seinem dichten Netz von Schmuckformen, Schnitzereien und meisterhaft  gezimmerten Riegeln. Besonders auffällig ist im ersten Giebelgeschoss ein großer, aus der Achse nach links gerückter Fenstererker, dessen beide Riegelfelder mit zwei gemalten Bildern verzeirt sind. (1922 vom damaligen Besitzer Friedrich Klein angebracht und zwischenzeitlich (2-mal) erneuert und renoviert). Eines der Bilder stellt die Erzeugnisse der eigenen Felder dar, das andere die gehaltenen Tiere, vom Pferd bis zum Geflügel.  In diesen Bildern soll wohl der beigefügte Spruch “ Des Landmanns Ruhm und Ehr/ Bringt eigner Fleiß und und Gottes Segen her“ versinnbildlicht werden.

Erbaut wurde dieses Haus 1687; diese Jahreszahl  ist unterhalb der mittleren Konsole des Fenstererkers eingekerbt.  Ungekärt ist, wer sich dieses Haus erbauen ließ. Im Lagerbuch der Herrschaft Württemberg von 1680 sind mehrere Pächter des Grundstücks genannt, auf dem 1687 das  heute noch stehendeWohnhaus errichtet wurde. Sicher scheint jedoch, dass alle Pächter zur dörflichen Oberschicht gehörten und wahrscheinlich miteindander verwandt waren, auch die jetzige Besitzerfamilie Klein  hat dazugehört.

Über das Anwesen Klein wurde schon 1943 u.a.berichtet:  "das Wohn- und Ökonomiegebäude der Familie Fritz Klein ist eines der schönsten und geräumigsten Gebäude der Gemeinde und befindet sich seit Anfang des 19.Jahrhunderts im Besitze des Stammes Klein. Im Jahre 1865 baute der damalige Gemeindepfleger und spätere Schultheiss Friedrich (Fritz) Klein einen neuen Stall hinzu und liess das Wohnhaus seinem jetzigen Aussehen entprechend herrichten....“.

 Johann Friedrich (Fritz) Klein (1829-1902), dessen Vater bereits Gemeindepfleger, Steuereinnehmer und Kirchenältester in Ehningen gewesen ist, war Gemeindepfleger, als er mit 55 Jahren zum Schultheissen gewählt wurde. Sein Beiname „Schulze-Fritz“ hat sich bis heute gehalten und findet  immer noch Anwendung  für seine zahlreichen  Nachkommen und  Mitglieder der Familiensippe Klein; und das Anwesen wird  in Ehningen das  „Schulze-Fritza-Haus“ genannt. Friedrich (Fritz) Klein war der letzte Bauernschultheiss unserer Gemeinde, der dann 1899 vom ersten fachlich vorgebildeten ‚Herrenschultheiss’, Wilhelm Bauer  aus Altdorf, abgelöst wurde. Das Amt des Bauernschultheissen war kein Beruf im heutigen Sinne, sondern eine Berufung sowie eine Vertrauens- und Achtungsbezeichnung. In die Zeit des „Schulze-Fritz“ fällt  auch der Bau der ersten gemeindlichen Wasserleitung, und er hat es noch erleben dürfen, wie 1901 das Wasser aus dem Hochbehälter in der Ketterlenshalde über Leitungen  ins Dorf geflossen ist.

Auch für das Ehninger Molkereiwesen sowie für  die Geschichte der Spar-und Darlehenskasse (heute Ehninger Bank) hat dieses Haus eine wichtige Rolle ge- spielt: Der Sohn des ‚Schulze-Fritz“ Johann Friedrich  Klein (1858-1939) war Gemeindepfleger und hatte eine private Molkerei. Die Anlieferung von Milch in seinem Anwesen erfolgte noch bis in die 1920-iger Jahre (vermutlich über die in den späten 1960-iger Jahren entfernte Aussentreppe).1932 erfolgte  die Vereinigung der beiden  Ehninger Molkereigenossenschaften, und  die Anlieferung der Milch erfolgte von nun ab nur noch im Gebäude Ecke Berg-/Königstrasse. Joh. Friedrich Klein wurde auch am 11.Februar 1912 bei der Gründungsversammlung der Spar-und Darlehenskasse Ehningen zum Rechner gewählt. In der "Rechnerstube“ seines Wohnhauses wurden bis 1926 sämtliche Geldgeschäfte abgewickelt, Geld aufbewahrt und Abrechnungen getätigt.

 Das Haus wurde Ende der 1970-Jahre  vom damaligen Besitzer, Lorenz Klein („Schulze-Fritze Lorenz“), dem erst kürzlich verstorbenen langjährigen Gemeinderat  und stellvertretenden  Bürgermeister, renoviert und auch baulich verändert. Dabei wurde auch der  markante Kastanienbaum entfernt, der nach den zwei vernichtenden Bränden 1976 (denen die Wirtschaftsgebäude zum Opfer fielen, die aber wieder aufgebaut wurden) irreparable Hitzeschäden erlitten hatte. Jetzt wird das Anwesen von Fam. Fritz Klein, dem Sohn von Lorenz Klein, bewohnt und bewirtschaftet und somit eine alte Familientradition gepflegt und fortgeführt.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich bei seinem Vereinsmitglied Fritz Klein für seine wertvollen und wichtigen Informationen und seine Unterstützung zu diesem Beitrag.

 Rudolf Widmann, Heimatgeschichtsverein Ehningen.

Benutzte Literatur:  Bilder aus einem schwäbischen Dorf;  Gde. Ehningen 1985; 75-Jahre Ehninger Bank, Hrsg. Ehninger Bank eG, 1987;  Heimatbuch der Gemeinde Ehningen, verfasst v. Karl Gleissner, 1965. Häuser und Inschriften in Ehningen, 1991.

 

Juni  - Gasthaus "Zur Traube" - das Geburtshaus von Jakob Friedrich Kammerer, ca. 1930

Das Foto zeigt das  Geburtshaus  von Jakob Friedrich Kammerer, das nachmalige Gasthaus und Bäckerei  zur ‚Traube’. Das Foto ist eine Leihgabe unseres Vereinsmitgliedes Frau Mina Schmidt.

Das Haus, das an der Ecke Hildrizhauser-/Königstrasse stand, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wie auf alten Fotografien unschwer zu erkennen, stand das Gebäude an der zentralen Kreuzung, mitten im alten Ortskern und war nicht zu übersehen. Am 24.5 1796 wurde in diesem Haus der wohl bedeutendste Sohn geboren, den Ehningen bisher hervorgebracht hat:  Jakob Friedrich Kammerer , der bekanntlich 1832 das Phosphoreibezündholz erfunden hat.

Über die weitere Geschichte des Hauses berichtet uns Frau Mina Schmidt, geb. Rothfuß folgendes: “Im Jahre 1899 erwarben meine Großeltern, Christian Rothfuß, Bäcker aus Dagersheim, und seine Frau Wilhelmine, geb. Renz, das Gasthaus "Zur Traube" mit einer kleinen Backstube  und den im Hof befindlichen  landwirtschaftlichen Gebäuden. Das Ehepaar hatte 3 Kinder und betrieb neben der Landwirtschaft das Gasthaus. In der Backstube wurden lediglich in der Nacht vom Freitag auf Samstag Backwaren hergestellt. An den Wochentagen fehlten in der  bäuerlich strukturierten, auf Selbstversorgung ausgerichteten Gemeinde die Käuferschichten.  Nach dem Tode meines Großvaters 1949 wurde das Anwesen aufgeteilt. Mein Vater, der älteste Sohn , ebenfalls Bäckermeister von Beruf, übernimmt die Traube. Seine Geschwister ziehen in das dahinterliegende Wohngebäude und betreiben weiterhin die Landwirtschaft. 1949 bauten meine Eltern,  Friedrich Rothfuß und seine Frau Helene, geb. Breitmeier, das Erdgeschoss  der Traube grundlegend um. Ein Teil der Gaststube wird abgetrennt und als Bäckerladen eingerichtet. Entlang der Kirchstraße (die heutige Hildrizhauser Straße) werden die Ladentür und ein Schaufenster eingebaut. Die Backstube wird vergrößert und ein neuer Dampfbackofen eingebaut. Von 1958 an konnte  mein Vater aus gesundheitlichen Gründen die Bäckerei nicht mehr weiterführen und verpachtete deshalb Bäckerei und Gaststätte. Nach dem Tode meines Vaters, 1960, wird die ‚Traube’ an die Familie Korepkat  und später an die Kreisspar- kasse verkauft. 1980 erfolgte dann der Abbruch durch die Gemeinde Ehningen. Heute steht an dieser Stelle ein Gebäude der neuen Marktplatzbebauung. Auf dem Foto sind, von links nach rechts, zu sehen: Christian  Rothfuß (weiß gekleidet), seine Frau mit Kind an der Hand (das ist Elise Rothfuß, Schwester meines Vaters, später verh. Secker). Der aus dem Fenster  schauende Bub (ganz rechts im Bild) ist mein Vater Friedrich Rothfuß. Um wen es sich bei dem aus dem Fenster schauenden Gast und den neben meinem Großvater stehenden Mann mit Bierflasche  handelt, konnte leider nicht ermittelt werden“.

In dem Segment  über den beiden Mittelfenstern ist relativ gut mittig ein Steinrelief in Form einer Traube (quasi als Wirtshauschild) und  ganz schwach eine nicht zu entziffernde Aufschrift erkennbar. Links neben der ‚Traube’ schließt sich das erst  jüngst abgebrochene ‚Meyer-Häuschen’ an, in dem sich (zur Zeit, als das Foto entstand), die Schmiedewerkstatt von Wilhelm Schneider befand (eindeutig erkennbar  an den Geräten und Werkzeugen vor dem Haus, ganz links im Bild). Dies und die abgebildeten Personen weisen daraufhin, dass das Foto bereits um 1910 entstanden sein muss, also wesentlich älter ist, als ursprünglich angenommen.

Das ehemalige Gasthaus Traube stand unmittelbar an der Straßenkreuzung Hildrizhauser Strasse-/Dagersheimer-/Königstraße und es ist die zentrale Kreuzung im Ortskern von Ehningen. Die Königstraße wurde in östlicher Richtung von hier aus auch als “Obere Gasse“ und Richtung Aidlingen als „Untere Gasse“ bezeichnet. Die Kreuzung wurde von den Ehningern  als ‚Latscharie’ bezeichnet, ein beliebter Treffpunkt vor allem für die Jugend (Latschare= u.a. Herumlungernder, Müßig- gänger) oder auch als ‚Pflaster’ bezeichnet; abgeleitet wohl vom dortigen Straßenbelag. Mitten auf dieser  Straßenkreuzung stand das alte Rathaus der Gemeinde. Es wurde 1844 nach dem Bau des ‚neuen’ (jetzt alten) Rathauses abgerissen und dadurch  „die Hauptstraße namhaft erweitert und verschönert“, wie es in einer alten Oberamtsbeschreibung heißt.  Bis 1936/38 stand auf dieser Kreuzung auch die Gemeindebodenwaage (Christian Rothfuß von der ‚Traube’ war Wiege- meister) sowie eine Litfaßsäule. Beide wurden im Zuge des Umbaus der Ortsdurchfahrt entfernt, die gesamte Kreuzung  umgebaut und neu gepflastert. Beim erneuten Umbau der Kreuzung 1965 wurden die Pflastersteine dann endgültig entfernt. Wenn auch an das alte Rathaus, die Bodenwaage, die Litfaßsäule und das Pflaster  nichts mehr erinnert, so ist der Begriff  ‚Pflaster’ bei vielen Ehningern  noch lebendig und wird auch heute noch für diese Kreuzung gebraucht.

Heute steht auf dem Platz vor der ehemaligen ‚Traube’ die Büste Jakob Friedrich Kammerers, errichtet  1996 zu seinem 200. Geburtstag. Der Blick richtet sich  zufrieden und gelassen auf die Stelle, an der sein Geburtshaus stand (dem jetzigen Optikergeschäft Frasch), und erinnert so an eine wichtige Episode aus der Geschichte Ehningens.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich bei seinem Mitglied Frau Mina Schmidt  recht herzlich  für die ausführlichen und wertvollen Informationen und die Unterstützung zu diesem Beitrag.

Rudolf Widmann Heimatgeschichtsverein Ehningen.

Benutzte Literatur: Bilder aus einem schwäbischen Dorf, Gemeinde Ehningen 1985; Ortschronik Gemeinde Ehningen, verfasst v. Karl Gleissner, 1965. Oberamtsbeschreibung OA Böblingen 1855.

 

Juli - Schloß Mauren, Innenansicht, ca. 1904

     

Das obere Bild zeigt den „Saal“ des ehemaligen Schlosses in Mauren. Das Stilleben der mit Handarbeit beschäftigten Frauen ist die Familie des damaligen Schloßherrn Alexander Freiherr von Dusch. Als dieses Bild gemacht wurde, stand das Schloss fast schon 300 Jahre, d.h. es haben schon mehr als 10 Generationen darin gelebt.

Was könnte so ein Haus an frohen und traurigen Ereignissen erzählen. Wieviel ist in einem solchen Haus nicht gelacht und geweint, gehofft und gefürchtet, geliebt und genossen worden. Die Familie von Dusch lebte damals in zwei Welten.: in Schwetzingen in engster Nachbarschaft zum Schloß und auf Schloss Mauren. In Mauren als Sommersitz war die Familie nur während der Sommermonate, ansonsten war der Lebensmittelpunkt Schwetzingen, Mannheim und Heidelberg.  Das Gruppenbild zeigt in der Mitte Alexander Freiherr von Dusch. Dieser war im badischen Staatsdienst Richter, Staatsanwalt, Justiz- und Kultusminister und von 1905-1917 Ministerpräsident des Großherzogtums Baden. Links von ihm sitzt seine Frau Pauline, die aus der großbürgerlichen Familie der Bassermanns stammte. Das vorlesende Mädchen ist die Tochter Else. 2 Jahre nach der Entstehung des Bildes heiratet sie Alexander von Löwis of Menar. Die übrigen Personen auf dem Bild sind Freundinnen der Familie.  Wie lebte man in den Ferien in Mauren? Die Sommertage waren ausgefüllt mit einer Vielzahl von Aktivitäten. Es wurden Ausflüge gemacht, zu Jagdausflügen wurde eingeladen, es gab einen Tennis- und einen Schießplatz. Es wurde viel musiziert, Theater gespielt, gemalt, die Früchte des Gartens geerntet. Und abends versammelten sich alle am großen Tisch im Saal, (damals noch mit Petroleumlampe). Einer las vor und die Zuhörer, zumeist ja Frauen und Mädchen, strickten, nähten, schnitzelten aber auch Bohnen, schälten Äpfel, putzten Pilze, die nachmittags im Wald gesammelt wurden. Das Bild strahlt eine Harmonie aus; jede der Frauen oder Mädchen ist beschäftigt und hört der Vorleserin zu. Sicher eine versunkene Welt im Vergleich zu den Freizeit- beschäftigungen heutiger Familien.  So gab es viele Abende in geselliger Runde; denn es war selten nur die Familie allein hier in den Sommerferien. Es gab viele Besuche von Verwandten und Freunden – Besuche, die Tage und Wochen dauern konnten. Schließlich war genügend Platz im Schloß (ca. 1500 qm Wohnfläche) und bei allem mußte man nicht sparen und hatte viele Hilfen. In allen Berichten und Tagebuchaufzeichnungen wird von den Sommermonaten in Mauren geschwärmt.: “Für uns war Mauren, das Schloss und der Garten samt der lieblichen Landschaft, in der sie eingebettet liegen, der ruhende Pol in allem Wechsel des Lebens, zu dem man jahraus, jahrein zurückkehrte.“ Oder Pauline von Dusch schreibt in ihrem Tagebuch: “Immer hatte man das Gefühl, als nähme dieser Ort wie ein treuer Freund teil an allem, was man erlebte, und alle die Menschen, die ein halbes Jahrhundert lang, viele auch Jahr für Jahr, hier zu Gast waren, verfielen dem gleichen Zauber“, und „Hier fühlte man sich wie auf einer seligen Insel geborgen vor den Stürmen des Lebens, und jeder neue Tag schüttete wie ein Füllhorn seine Gaben, Freuden des Geistes und auch sehr irdische Freuden aus.“

Man muß sich hier im Klaren sein, daß hier ein Leben einer vergangenen Epoche gelebt wurde - einer Welt, die es schon lange nicht mehr gibt. Durch einen bestimmten Lebensstil war die gesellschaftliche Stellung festgelegt. Man gehörte unübersehbar zu einer Klasse und repräsentierte diese. In einer sorgfältigen Erziehung wurde großer Wert auf eine musikalische Ausbildung gelegt; dies erlaubte ein häusliches Musizieren auf sehr hohem Niveau. Ein profundes Literaturwissen galt als selbstverständlich – auch geschult durch das häufige Vorlesen und durch Theaterbesuche.

Trotz allem Zeitenwechsel strahlt Mauren auch heute noch einen ganz bestimmten Zauber auf seine Besucher aus. Ein Gedicht aus dem Dusch´schen Gästebuch von 1897 möge uns dies verdeutlichen:

Es rauscht in den alten Bäumen
noch heute derselbe Sang
Von Sehnen und Hoffen und Träumen,
Wie er vor Zeiten erklang.
Und ist er auch denen verklungen,
Für die er vor Zeiten gerauscht,
So lauschen ihm heute die Jungen,
Glückselig, wie jene gelauscht.

 

 

August - Erntezeit, ca. 1930

Was liegt näher, als für den August, den Erntemonat, das Motiv eines Erntewagens auszuwählen. Es ist ein mit Getreide beladener ‚Garbenwagen’,  wie er bis in die späten 1950-iger Jahre durchaus noch zu sehen war; also kein Heuwagen, wie angegeben. Den Druckfehler bitten wir hiermit zu entschuldigen. Wessen Wagen hier abgebildet ist,  konnte trotz intensiver Recherchen nicht mehr ermittelt werden. Gezogen wurde dieser  Wagen von einem Kuhgespann. Das Namenschild vorne am Wagen weist darauf hin, daß das Foto vermutlich in den Jahren nach 1933 entstanden ist, als Namenstafeln Pflicht wurden.  

Wenn hier von Ernte „dr Ärnt“, die Rede ist, dann ist das Einbringen des Getreides gemeint. In diesem Sprachgebrauch drückt sich zweifelsohne das besondere Verhältnis aus, das man zum Getreide hatte. Der Getreideanbau hatte eine Sonderstellung, denn Getreide war die Ernährungsgrundlage der gesamten Bevöl- kerung. Davon ist heutzutage wenig übriggeblieben: in Zeiten des Preisverfalls für Getreide, von Überproduktion und  Agrarfabriken.   

Im Vergleich zu heute wurde mit der Getreideernte relativ früh begonnen, solange die Ähren noch nicht voll ausgereift waren. Dies war wichtig, denn bei der Art und Weise, wie das Getreide geerntet wurde, wären ansonsten während der Ernte viele vollreifen Körner ausgefallen und somit verloren gewesen. Und jetzt, im Zeitalter des Mähdreschers, ist es gerade umgekehrt. Im Gedicht ‚Hocke und Rad’ von Marie-Luise Bald wird die Ernte im Wandel der Zeiten anschaulich beschrieben:

Hocke und Rad

Wo heute Maschinen die Ernte einbringen  

einst schwitzende Menschen mit Sensen rangingen.

Sie mähten das Korn im gleichen Schritt

und nahmen dabei jedes Hälmchen mit.

Lag alles gemäht, dreht man Stroh zu Band

Und bündelte die Garben mit kundiger Hand.

Die stellt man gerichtet ins Stoppelfeld,

eine jede gerichtet , fast wie ein Zelt!

Dann kamen Fuhrwerke mit Kühen und Pferden,

die Ernte zu holen, gedroschen zu werden.

Nach Dreschflegeln gab es dann Dreschmaschinen,

wo heute Mähdrescher im Feld schon bedienen.

Wo einst Stroh mühsam in die Scheuer gebracht,

werden heute Strohräder im Feld schon gemacht!

Statt Hocken heut Räder, als Sinnbild der Zeit,

die Garben und Hocken sind Vergangenheit.

So hat jede Zeit ein anderes Gesicht,

nur das Wachsen und Werden änderst sich nicht!

Das Säen und Ernten bleibt mühsam und schwer,

alle müssten hungern, wenn der Bauer nicht wär!

 

Wie sich die Getreideernte im Laufe der Zeit, vor allem unter dem Einfluß der Mechanisierung der Landwirtschaft gewandelt hat, wurde bei der ‚Historischen Ernte’‚des landwirtschaftlichen Ortsvereins im Jahre 2001 eindrucksvoll demonstriert und fand großes Interesse. In diesem Zusammenhang  ist zu erwähnen, daß inbesondere der Einsatz des Bindemähers (der dann schon kleine, mit einer Schnur gebündelte Garben,  ‚Böckle’ genannt, auswarf) eine enorme Arbeitser- leichterung bedeutete, und auch das witterungsbedingte Ernterisiko weiter minimierte. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, daß  bereits mit dem  Einsatz des einfachen Getreidemähers gegenüber der Sense die achtfache Fläche pro Tag bewältigt  werden konnte. Und was erst  ein moderner Mähdrescher mit  z. B. sechs Metern Schnittbreite zu leisten vermag,  wie er das Getreide geradezu  ‚wegfrisst’, davon wollen wir erst gar nicht reden.

Rudolf Widmann , Heimatgeschichtsverein

 

September- Dörfliche Idylle, ca. 1975

Das Foto zu unserem Septemberbild stammt von Gerhard Breyer und ist ca. Mitte der 1970-iger Jahre entstanden. Es zeigt im Vordergrund die Scheune, die zum Anwesen  Gustav  König gehört ( genannt ‚Fritzers Gustav’), heute wohnt dort sein Enkel Dieter König mit Familie). Das markante Gebäude, mit Fachwerk- giebel, das sich links davon anschliesst,  ist die Scheune des Anwesens  Karl Hornikel und stammt aus dem 17. Jhdt. Das daran anschliessende Gebäude, von dem man  nur das Dach mit Gaube und  Fernsehantenne sieht, ist das Haus des Wilhelm Sattler in der Schulstraße. Durch die Aufnahme mit einem Teleobjektiv scheint es unmittelbar an die Scheune von Karl Honrikel angebaut zu sein. Tatsächlich liegt aber noch ein weiteres Gebäude und die Schulstraße dazwischen. Im Hintergrund ist der Kirchturm der evangelischen Kirche zu erkennen, mit den beiden Uhrblättern, die Zeiger stehen auf 11.43 Uhr.

Das Foto vermittelt den Charakter eines durch die Landwirtschaft geprägten Ortes; mit Scheunen, Höfen, Holzzäunen, aufgehängter Wäsche und  Gebrauchs- gegenständen des Alltages; ein Erscheinungsbild wie es in den vergangenen Jahrzehnten  in Ehningen und anderen Dörfern häufig zu sehen war. Durch den Strukturwandel unserer dörflichen  Gesellschaft im allgemeinen, den fast vollständigen Rückzug der  Landwirtschaft  aus den Dorfkernen, hat sich das äußere Erscheinungsbild  wesentlich verändert. Ansichten wie auf unserem Foto sind auch im Ehningen des Jahres 2006 rar geworden.  Das ist eine Entwicklung, die sich  über Jahrzehnte hinweg  vollzogen hat und auch in Zukunft andauern wird. Einzelne  Veränderungen,  wie z.B. der Um- oder Neubau eines Gebäudes sind als solche meist  als Einzelmaßnahme empfunden worden. Die Summe der Veränderungen, die den Gesamtcharakter des Ortes beeinflussten, konnten häufig als Ganzes oft erst sehr viel später wahrgenommen werden.

Unser  Foto darf bereits als historisch bezeichnet werden, denn das Anwesen König wurde in den späten 1980-iger Jahren und die Scheune von Karl Hornikel 1994 durch einen Neubau  ersetzt. In der Bildmitte, vor dem Giebel der Hornikel’schen Scheune, fällt ein schwarzer, blecherner  Schornstein auf, der als  Abzug für eine Rotkleereibe diente, die Karl Hornikel in seiner Scheune im Lohnauftrag bis Ende der 1960- iger Jahre betrieb und die einzige ihrer Art in Ehningen war. Einen Teil des Rotklees ( Anbau als Viehfutter) ließ man bis zur Reife stehen. Um den reifen Samen  zur späteren Aussaat verwenden zu können, mussten die reifen Samen aus den Blütenständen entfernt (gedroschen) und anschliessend gereinigt werden. Das war beim Kleesamen eine  recht staubige Angelegenheit und so versuchte man mittels eines Abzugskamins dies etwas erträglicher zu gestalten.

Die Schloßstraße wird in Ehningen umgangssprachlich und vor allem von ‚alten’ Ehningern auch als ‚Furt’ bezeichnet ( Furt mit langem u gesprochen) und es heisst, man geht “da Fuurt na“ oder “da Fuurt nom“. Der Name ‚Furt’ bezieht sich  auf eine seichte Stelle in der Würm, die schon von altersher als Bachdurch- querung diente. Die breite Wasserstelle (ungefähr dort, wo heute die Schloßstraßenbrücke über die Würm führt) diente vermutlich auch als Wette, d. h. als Schwemme für Zugvieh und Pferde. Nach dieser Furt gabelte sich der Weg hinter dem Schloß in den ‚Hausemer Weg’ (Weg nach Hildrizhausen) und den ‚Altdorfer Weg’. Die heutige Schloßstraße hat  ihren  Namen von dem markanten, an der Würmfurt gelegenen Ehninger Schloß (die obere Burg). Auf einem Ortsplan von Ehningen um 1523 wird die Schloßstraße  bereits als “Burgweg“  bezeichnet und taucht in Plänen von 1680 und 1713 als „Furtgasse“ auf.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich bei Frau Gertrud Hornikel für ihre wertvollen Informationen und ihre Unterstützung zu diesem Beitrag.  

Rudolf Widmann ,  Heimatgeschichtsverein Ehningen.

 

Oktober - Beim Krautverladen, 1943

 

Ehningen war in den 1930-iger Jahren die führende Gemeinde des Krautanbaus im Gäu; in unserer Gegend nur noch übertroffen von den Fildergemeinden, wo der Krautanbau auch heute noch stark verbreitet ist. Der Krautanbau im oberen Gäu, im Schwarzwald und der Alb spielte damals so gut wie keine Rolle, auch deshalb, weil dort die Voraussetzungen bezogen auf die Bodenbeschaffenheit nicht so gut sind wie bei uns.

Das Foto, eine Leihgabe von Else Naß, zeigt deren Vater Wilhelm Nüßle (1. von links), in der Mitte Wilhelm Kuppinger, Baumwart, und dessen Schwager Friedrich Nüßle (ganz rechts im Bild) beim Krautverladen in Eisenbahnwaggons auf dem Ehninger Bahngelände; eine typische Szene, wie sie noch bis in die frühen 1960-iger Jahre hinein zu beobachten war.

Die sehr guten, tiefgründigen Löß-Lehmböden, die auf Ehninger Gemarkung in den Gewannen Lache (heutige Erdbeerfelder Kempf) Hinteres Tal, Lindach und Hochberg zu finden sind, boten also beste Voraussetzungen für den Anbau des sogenannten ‚Filderspitzkrautes’. Ging man im Herbst durch diese Feldfluren, so konnte man die Dominanz des Krautanbaus unschwer feststellen. Im Gegensatz zum Rundkraut weist das Spitzkraut den Vorzug zarterer Blattrippen und dünnerer Blätter auf und hat dadurch eine bessere Qualität. Dafür ist das Spitzkraut ungleich empfindlicher bei Transport und Verarbeitung ( Problem der abgebrochenen Krautspitzen) als sein Vetter, das Rundkraut.

In Zeiten, als die Grundversorgung mit preiswerten Nahrungsmitteln noch eine größere Rolle spielte als heute, wurde in fast jedem Haushalt (in ländlichen Gebieten) Kraut selbst eingesäuert und so verfügte man vor allem über die Wintermonate hinweg über ein relativ günstiges Nahrungsmittel .Die große Nachfrage nach Kraut war wiederum auch die Basis für eine relativ sichere Einnahmequelle für die Landwirte. In den 1930–iger Jahren betrug der durchschnittliche Preis für einen Zentner Kraut (50 kg) 2,65 RM, ein vergleichsweise guter Preis für die damaligen Verhältnisse.

Die Vermarktung des angebauten Krautes erfolgte zum Teil durch die Landwirte selbst; sei es daß sie mit ihren Fuhrwerken –Pferdegespann oder Schlepper- bis in den Schwarzwald oder die Alb fuhren, wo Kraut eben nicht so gut wuchs. Zu den Kunden der Ehninger Krautbauern zählten auch Händler aus Ihringen a. Kaiserstuhl, Tuttlingen und Rastatt, die das Kraut mit ihren eigenen Fahrzeugen vor Ort abholten.(Einer dieser Kunden ist noch mit einem Imbissststand auf dem Ehninger Pfingstmarkt vertreten und verkauft dort Schupfnudeln mit Sauerkraut).  Der weit größere Teil des Krautes wurde allerdings über die Spar- und Dar- lehenskasse (heute Ehninger Bank) vermarktet. Dies beinhaltete auch die Bereitstellung der erforderlichen Eisenbahnwaggons. Der Bahntransport war die preiswerteste Alternative, bot die entsprechend erforderlichen Transportkapazitäten und es waren die örtlichen Voraussetzungen vorhanden, um derart große Mengen schnell zu ihrem Bestimmungsort(überall da, wo Kraut gebraucht wurde) zu bringen. Auf dem Vorplatz der Gütergleise(heute der P+R Platz der S-Bahn) wurden die mit Kraut beladenen Wagen meist abends abgestellt und anderntags entladen. Mitte Oktober war der Höhepunkt der Krautanlieferung und zu dieser Zeit wimmelte es auf dem Bahnhofsvorplatz nur so von Krautwagen, noch beladenen und bereits entladenen. In Spitzenzeiten wurden täglich zwischen 10 und 15 Eisenbahnwaggons beladen. Die Beladung erfolgte in Gemeinschaftsarbeit der daran beteiligten Bauern, da für die Ladung eines Waggons mehrere Bauern mit ihren Krautanlieferungen beteiligt waren. Für das Beladen waren in der Regel drei Personen (wie auf unserem Foto) erforderlich; eine sehr anstrengende Arbeit, denn die schweren Krautköpfe(bis zu10 kg Gewicht)wurden einander zugeworfen und dann im Waggon wieder aufeinandergesetzt. Angeliefert werden durfte nur erntereifes Kraut(fest gewickelt und entsprechend schwer), in einwandfreiem Zustand(also z.B. keine aufgerissenen Krautköpfe oder mit abgebrochenen Spitzen). Mitunter kam es bei großem Andrang auch zu größeren Wartezeiten, was nicht selten zu Auseinandersetzungen unter den Anlieferern führte.Bevor jedoch das Kraut entladen wurde, musste der volle Krautwagen auf der Brückenwaage (Ecke Wilhelmstraße/Bahnhofstraße) des Lindenwirtes Karl Kindler gewogen werden, ebenso nach der Entladung, um das Gewicht des angelieferten Krautes bestimmen zu können. Bedingt durch Strukturwandel in der Gesellschaft, auf- kommenden Wohlstand, den Aufbau von Krautfabriken, die Sauerkraut als Konserven verkauften, verlor die Direktverkmarktung an Einzelkunden nach und nach an Bedeutung und so wurde auch die Bahnverladung bedeutungslos und schließlich ganz eingestellt. In Ehningen erweiterte die Firma Schwabenstolz 1948 ihre Produktpalette und setzte auf Sauerkrautproduktion; war Ehningen doch ein Hauptanbaugebiet für Spitzkraut. So konnten die Ehninger Krautbauern einen wesentlichen Anteil ihres Krautes direkt bei der örtlichen Krautfabrik vermarkten. Doch auch dies ist bereits Episode, denn im Dezember 2005 schloß Fa. Schwabenstolz endgültig ihre Pforten.

Der Krautanbau in Ehningen früherer Zeiten gehört ebenfalls der Geschichte an, die Gründe hierfür sind vielschichtig; allen voran der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Heute wird in Ehningen nur noch vom Landwirt Heinrich Wörner Kraut in größeren Mengen angepflanzt und dieses direkt ab Hof an Privatkunden verkauft.

Der Heimatgeschichtsverein bedankt sich bei Frau Else Naß und Herrn Paul Gerlach für ihre wichtigen und wertvollen Informationen und ihre Unterstützung zu diesem Beitrag.

Rudolf Widmann, Heimatgeschichtsverein.

November - Fortbildung anno 1914 - Junge Ehningerinnen beim Nähkurs

 

Auf dem Bild vom November sehen Sie 15- bis 19-jährige Mädchen, die 1914 an einem Kurs teilnahmen, um das Nähen, Stricken und Sticken zu erlernen. Einige von den jungen Mädchen kann ich noch erkennen. Es sind dies: ganz links stehend Pauline Bengel, verh. Bleisch, 3. v.l. Maria Schmidt, verh. König. An der Nähmaschine sitzt Pauline Rösch, verh. Brillinger. Die beiden sitzenden Mädchen am Tisch sind Wilhelmine Widmann, verh. Klein, und Emilie Gerlach, verh. Koch. In der Mitte steht Frau Fiedler, die Leiterin des Kurses. Im Vordergrund sitzen ihre 3 Töchter, v.l. Johanna, damals 7 Jahre alt, Hilde 6 Jahre und Emma 5 Jahre alt. Sehr brav mußten sie sitzen mit ihren Püppchen auf dem Schoß.

Die Kinder sind gleich angezogen und gleich frisiert. Selbst den gleichen Blick haben sie. Sie hätten sicher viel lieber mit ihren Puppen gespielt, als brav und still zu sitzen. Aber Gehorsam war zu jener Zeit ein strenges Gebot für Kinder.

Der Nähkurs von Frau Fiedler war eine private Sache. Es gab aber auch staatliche Handarbeitsschulen.

Ich habe eine Handarbeit aufbewahrt von 1910. Sie ist mit bunten Borten, den Buchstaben des ABC und der Bezeichnung „Industrieschule“ bestickt. Schon immer wollte ich gerne wissen, was dieser Name bedeutet und was eine Handarbeitsschule mit „Industrie“ zu tun hat?

Bereits im Zeitalter der Aufklärung (18. Jh.) bemühte sich der Staat, die Lebensverhältnisse der Landbevölkerung durch Förderung der Hausindustrien zu verbessern. Jedoch wurden erst nach der Gründung des Württ. Königreiches 1805 im Rahmen der staatlichen Gewerbeförderung und der organisierten Armenpflege zahlreiche „Industrieschulen“ im Lande gegründet. Als solche bezeichneten sich Schulen, in denen Schulwissen vermittelt wurde und die Schüler auf handwerkliche, industrielle und gewerbliche Berufe vorbereiten sollten.  1850 bestanden in fast allen Gemeinden im Kreis Böblingen Industrieschulen. So war die Industrieschule eine hervorragende soziale Einrichtung. Von Beginn an lag der Schwerpunkt auf den traditionellen häuslichen Textilarbeiten wie Spinnen, Nähen und Stricken. Diese Ausrichtung führte natürlich zur vermehrten Teilnahme von Mädchen. So kam es im Lauf des  19. Jh. dazu, dass die textile „Handarbeit“ als eine typisch weibliche Tätigkeit festgelegt wurde.

Dies war nicht immer so. Bis in das späte Mittelalter gab es wegen der engen Verbindung von Wohnen und Arbeiten noch keine strenge Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Diese wurde erst durch die Abtrennung der häuslichen Wirtschaft  von der übrigen gesellschaftlichen Produktion eingeführt. Nun überließ man die Sorge für den häuslichen Lebensbereich  ausschließlich den Frauen. So wurde die Stube zum Bereich der Frau. Bei einer tüchtigen Hausfrau setzte man neben der Beherrschung des Kochens aus vielfältige Handarbeitsfertigkeiten voraus, angefangen von der schlichten Näh- und Flickarbeit über die Wäschepflege bis hin zur Herstellung von Textilien aller Art.

Was haben die Mädchen im Nähkurs gerade gelernt? Das Weißnähen war gefragt. Unter Weißnähen versteht man die Anfertigung von Leib-, Tisch- und Bettwäsche. Dazu wurde sehr häufig selbstgesponnenes und selbstgewobenes Leinen verwendet. Für Damenhemden war dieses Leinen etwas hart und steif. Der Schnitt der Hemden war weit und lang und für Männer und Frauen nahezu gleich.

Es war der Stolz eines jeden Mädchens, eine schöne Aussteuer zu haben. Grundausstattung war, mindestens 6 –8 mal Bettwäsche zum Überziehen. Das heißt für die Ehebetten: 2 Leintücher, 2 Oberleintücher, 2 Deckbettbezüge, 4 Haipfel- und 2 Kissenbezüge. Dazu noch 6 Bettkittel und 6 Unterhosen. Ferner 3 Tafeltücher und 3 Tischdecken nebst 24 Servietten. Ferner 1 Dutzend leinene Handtücher und 2 Dutzend Taschentücher. In jedes dieser vielen Wäschestücke musste das Monogramm gestickt werden. Da musste ein Mädchen schon fleißig sein, denn bis zur Heirat sollte alles fertig werden.

Um dagegen Kleider zu nähen, holte sich die Bäuerin eine Näherin ins Haus, die dann für die ganze Familie das Nötige anfertigte. Ich besitze noch einen Brief von der Großmutter meines Mannes, deren Tochter in Stuttgart weilte. Der Brief von 1907 hat folgenden Wortlaut: „Liebe Marie, die Näherin hat Dein Kleid fertig gemacht. Ich meinte, ich müßte Kopf stehen. 4 Mark und 80 Pfennig hat dieses Frauenzimmer verlangt. Mir kommt das Kleid sehr eng vor. Du mußt kommen und es anprobieren. Ich zahle doch nicht einen Haufen Geld und das Kleid paßt erst nicht.“

Noch ein Hinweis zur Nähmaschine auf dem Bild. Erstaunlich rasch nach ihrer Erfindung 1846 in Amerika fand die Nähmaschine Verbreitung in Deutschland. Sie ermöglichte endlich die zügige Endverarbeitung der schon seit längerem maschinell hergestellten Stoffe. Im Unterschied zu anderen technischen Geräten gehörte sie bald zur üblichen Stubeneinrichtung, denn sie bot sich als Arbeitsgerät sowohl für den privaten Haushalt an als auch für die Fabrik- und Heimarbeit. Die Nähmaschine machte es möglich, die Arbeitskraft der Frau gleich dreifach zu auszunutzen: als Hausfrau, als Bäuerin und als Heimarbneiterin mit „Zuverdienst“.

Emilie Kienle

 

Dezember - Herrenpartie, um 1900

 

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Wir sind auf der letzten Seite unseres Heimatkalenders angelangt. Sie sehen auf dem Dezemberbild einen mit vier sonntäglich gekleideten Herren besetzten Schlitten, der von zwei Pferden gezogen wird. Es ist Winterzeit, es ist Schlittenzeit und die vier Männer haben sich zusammengefunden, um sich das Vergnügen einer Schlittenfahrt zu gönnen.

Wer sind diese vier? Vorne links sitzt Christian Machleid, Bauer in Ehningen. Neben ihm sieht man den Metzgermeister Decker aus Böblingen. Ihm gegenüber hat Theodor Bauer Platz genommen. Dieser ist bekannt als Löwenwirts Theodor, da er das Gasthaus zum Löwen bewirtschaftet. Er hält die Zügel in der Hand; damit gehören ihm auch die Pferde. Rechts von ihm sitzt Johann Georg König, genannt der „Dragoner". Da es in Ehningen viele Einwohner mit dem Namen König gab, hatten die meisten zur Unter- scheidung noch einen Beinamen. Da der Vater des Johann Georg seinen Militärdienst bei einem Dragoner-Regiment in Ludwigs- burg abgeleistet hatte, wurde er der „Dragoner" genannt und so auch die nachfolgenden Generationen bis zum heutigen Tag.

Der Schlitten sieht wirklich nicht komfortabel aus. Er ist etwas eng und vielleicht zu leicht gebaut für vier so gewichtige Herren. Dies sollte ihnen bei ihrer weiteren Schlittenfahrt noch zum Verhängnis werden.

Aber zuerst noch zurück zu dem Metzger Decker aus Böblingen. Dieser hatte eine hübsche Tochter, welche Theodor Bauer zur Frau nehmen wollte. Deshalb wahrscheinlich auch die Einladung an den zukünftigen Schwiegervater zu dieser Schlittenfahrt.

Nach einer sicher wunderschönen Fahrt über die tief verschneite Ehninger Flur beschlossen die Herren, den Tag mit einem Viertele Wein ausklingen zu lassen. Also ging es in Richtung Gasthof zum Adler. Mit flottem Schwung lenkte Theodor Bauer seine Pferde in den Adlerhof hinein. Offensichtlich zu schwungvoll; der leichte Schlitten kippte um und die Herren in ihrem sonntäglichen Staat purzelten in den Schnee. Verletzte gab es zwar nicht, aber einen erbosten Metzgermeister aus Böblingen. Er beschuldigte den Theodor, er habe ihm nach den Leben getrachtet und seine Tochter könne er daher nicht zum Eheweib bekommen. So ward gesprochen und so blieb es. Theodor Bauer mußte erneut auf Brautschau gehen.

Winterzeit, herrliche Zeit – besonders für die Kinder. Mir scheint, daß in meiner Jugendzeit die Winter viel kälter waren als heutzutage. Vor allem ist doch viel mehr Schnee gefallen und dieser mußte von den Straßen geräumt werden. Aber nicht mit einem Schneepflug am Lastwagen und mit viel Streusalz wie es heute üblich ist, sondern die Straßen wurden mit dem Bahnschlitten vom Schnee geräumt. Das war ein riesiger Schneepflug, der fast die ganze Straßenbreite einnahm. Je nach Schneehöhe wurde dieser Schneepflug-Schlitten von vier bis sechs Pferden gezogen. Jedes Pferd hatte einen Glockenstrang um den Hals. Ein herrliches, unvergeßliches Geläute in der Erinnerung an die Jugendzeit. Man hörte den Bahnschlitten schon von weitem. Das war das Signal für die Kinder. Schnell die Mütze aufgesetzt, einen Schal umgebunden und nichts wie hinter dem Schlitten her. So fuhr immer eine große Kinderschar auf dem Schlitten mit und hatte sein winterliches Vergnügen. So viel ich weiß, befindet sich dieser Schneepflug heute noch in der Zehntscheuer.

Natürlich gab es auch noblere Schlitten als wie der Schlitten auf dem Bild. Sie hatten schön verzierte Kufen und bequem gepolsterte Bänke. Aber gleichgültig, was immer es auch für ein Schlitten war. Das Schlittenfahren war und ist ein besonderes Wintervergnügen - wenn die Kufen nahezu lautlos über den Schnee glitten und man warm in Decken eingehüllt im Schlitten saß, vorne die dampfenden Pferde mit ihren hellklingenden Glöckchen um den Hals. Davon träume ich heute noch. Daran erinnert auch das Musikstück „Petersburger Schlittenfahrt". Man hört die Pferde galoppieren, ihre Glöckchen bimmeln, die Peitsche des Kutschers knallen und die Wölfe heulen – in den unendlichen Weiten Rußlands. Ein Winterzauber ohnegleichen.

Emilie Kienle